45 Kilo in 27 Monaten. Keine einzige Messung.
Eine Waage mit Handyverbindung habe ich seit dem Herbst 2017, und alles, was ich je gewogen habe, liegt in einer einzigen Datei. Man kann es in eine Tabelle exportieren und wie einen Text ansehen.
Es ist kein Protokoll meines Gewichts. Es ist ein Protokoll darüber, wann ich bereit war, mich anzuschauen.
Herbst 2017
Ich wiege mich fast jeden Tag. Manchmal zweimal — morgens und dann noch einmal tagsüber, als könnte sich in ein paar Stunden etwas ändern.
Die Zahlen halten sich zwischen hundertfünf und hundertsieben. Ich habe die erste große Abnahme hinter mir, und ein paar Monate zuvor bin ich meinen ersten Wettkampf gelaufen. Damals hielt ich mich für einen Sportler.
Ein Mensch, der sich zweimal am Tag wiegt, hat es im Griff. Oder glaubt es zumindest, was in dem Moment dasselbe ist.
Dann wird es dünner
Ende November. Anfang Dezember. Und sechs Wochen nichts.
Im Januar 2018 steht in der Tabelle 111,8. In sechs Wochen fünfeinhalb Kilo mehr.
Ich weiß genau, was ich mir damals gesagt habe. Dass es noch nicht so schlimm ist. Dass sich das zurückholen lässt.
Diesen Satz habe ich mir noch sehr lange wiederholt, nachdem er aufgehört hatte zu stimmen.
Noch drei Messungen. Februar. Februar. Und 22. März 2018, 110,3 kg.
Dann nichts mehr.
Warum ich aufgehört habe
Nicht, weil ich es vergessen hätte.
Jedes Steigen auf diese Waage war eine Nachricht, dass es nicht besser wird. Und ich hatte nichts mehr, womit ich diese Nachricht hätte aufwiegen können. Jedes Mal, wenn ich daraufstieg, verlor ich ein Stück Hoffnung — und ein Mensch, dem die Hoffnung ausgeht, fängt an, sie zu sparen.
Also habe ich aufgehört. Nicht mit einer Entscheidung, nicht mit irgendeiner Erklärung. Ich bin einfach nicht mehr auf diese Waage gestiegen, und damit war das Problem für eine Weile gelöst. Ich habe es nicht mehr gesehen.
Aufhören sich zu wiegen ist viel leichter als aufhören zuzunehmen. Das ist wohl das Einzige aus dieser Zeit, was ich als Lehrsatz sagen kann.
Morgen
Jeden Morgen sagte ich mir: morgen. Morgen stehe ich auf und fange an. Morgen höre ich mit dem Süßen auf.
Es war keine Lüge. In dem Moment habe ich es wirklich geglaubt. Deshalb hat es auch funktioniert — dieses „morgen" ließ mich den Tag überstehen, ohne hinsehen zu müssen, was ich tue.
Das Morgen kam kein einziges Mal. Zweieinhalb Jahre lang.
11. Juni 2020
Der nächste Eintrag in dieser Datei stammt vom 11. Juni 2020. 155,3 kg.
Zwischen diesen beiden Zeilen liegen siebenundzwanzig Monate und fünfundvierzig Kilo. Im Tagebuch ist von ihnen keine Spur — keine steigende Kurve, nichts, dem man folgen könnte. Ein Punkt unten und ein Punkt oben.
Das ist kein Fehler in den Daten. Das ist genau das, was passiert ist.
Diese leere Fläche im Diagramm ist die Zeit, in der ich nichts über mich wissen wollte. Und die Zahl 155,3 steht dort nicht, weil ich meinen Absturz dokumentiert hätte. Sie steht dort, weil ich mich nach zwei Jahren endlich auf die Waage gestellt habe.
Drei Tage zuvor hatten sie mir das Laufband gebracht.
Ich schreibe darüber im Buch — Kapitel Ein Lichtblick, der im Dunkeln verschwand.